Entdecken lohnt sich. Immer.
Kunst zwischen Anpassung und Ideologie – Egon Schmid, das Bergwaldtheater und Shakespeares Ein Sommernachtstraum im Nationalsozialismus


28. September 2026

Kaum eine Persönlichkeit hat die frühen Jahre des Weißenburger Bergwaldtheaters so nachhaltig geprägt wie Egon Schmid. Mit großem Enthusiasmus machte der erste Intendant die 1929 gegründete Freilichtbühne innerhalb weniger Jahre zu einem der renommiertesten Naturtheater Deutschlands. Seine Inszenierungen galten als wegweisend und fanden weit über Weißenburg hinaus Beachtung. Doch die Erfolgsgeschichte des jungen Theaterunternehmens besitzt eine Schattenseite: Der künstlerische Aufbruch fiel in eine Zeit tiefgreifender politischer Umbrüche – und Schmid gehörte zu jenen Kulturschaffenden, die den nationalsozialistischen Kulturumbau nicht nur mittrugen, sondern aktiv mitgestalteten.

Bereits 1932 trat Schmid dem Kampfbund für deutsche Kultur bei, einer zentralen kulturpolitischen Vorfeldorganisation der NSDAP. Nach der Machtübernahme arbeitete er maßgeblich an der Gleichschaltung des deutschen Freilichttheaterwesens und wirkte 1933 an der Gründung des „Reichsbundes der deutschen Freilicht- und Volksschauspiele“ mit, als dessen künstlerischer Berater er fungierte. Das Bergwaldtheater war damit nicht nur Schauplatz bemerkenswerter Theaterkunst, sondern zugleich Teil jener kulturpolitischen Neuordnung, mit der das NS-Regime die deutschen Bühnen ideologisch auf Linie brachte.

Wie vielschichtig dieses Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik war, zeigt ein scheinbar vertrautes Werk: William Shakespeares Ein Sommernachtstraum. Über Jahrzehnte war das Schauspiel untrennbar mit der berühmten Bühnenmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy verbunden. Obwohl deren Aufführung nie offiziell verboten wurde, galt die Musik des aus jüdischer Familie stammenden Komponisten den Nationalsozialisten als unerwünscht. An ihre Stelle traten zahlreiche eigens komponierte „Ersatzmusiken“, die den Klassiker mit den kulturpolitischen Vorgaben des Regimes in Einklang bringen sollten.

An dieser Bruchstelle setzt der Vortrag des am Ontario College of Art and Design der Universität Toronto lehrenden Musikwissenschaftlers Helmut Reichenbächer an. Seine im renommierten Journal of the American Musicological Society veröffentlichte Studie rekonstruiert eindrucksvoll, wie Macht, Zensur und ideologische Einflussnahme den Theater- und Musikbetrieb des „Dritten Reiches“ prägten – und welche Widersprüche dabei sichtbar werden.

Im Mittelpunkt steht dabei ausgerechnet Egon Schmid. Denn obwohl er sich früh in den Dienst des nationalsozialistischen Kulturbetriebs stellte und diesen unter anderem als Leiter der Landespropagandastelle für die Thüringer Landesbühnen, später am Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Berlin mitgestaltete, war er zugleich der letzte Intendant an einer deutschen Bühne, der bis 1935 für Aufführungen des Sommernachtstraums Mendelssohns Bühnenmusik verwendete – vermutlich unter Verwendung der viel beachteten Weißenburger Inszenierung von 1932, der zeitgenössische Theaterfachleute Modellcharakter zuschrieben.

Die Gegenüberstellung Schmids mit dem Komponisten Edmund Nick, einem der Schöpfer einer neuen Musik zu Ein Sommernachtstraum, eröffnet weit mehr als ein musikgeschichtliches Detail. Sie wird zu einer ebenso überraschenden wie aufschlussreichen Fallstudie über Anpassung, Opportunismus und künstlerische Handlungsspielräume in einer Diktatur. Zugleich wirft der Vortrag ein neues Licht auf die Geschichte des Bergwaldtheaters und zeigt, wie eng die Geschichte einer fränkischen Freilichtbühne mit den großen Fragen deutscher Kulturgeschichte verflochten ist.

Im Anschluss an den Vortrag diskutiert der Referent gemeinsam mit Dr. Martin Weichmann, einem ausgewiesenen Kenner der Geschichte des Bergwaldtheaters, über den Weg der Weißenburger Naturbühne durch die politischen Umbrüche der 1930er Jahre und die prägende Rolle Egon Schmids. Im Mittelpunkt steht auch hier die Frage nach dem Verhältnis von künstlerischem Anspruch und nationalsozialistischer Kulturpolitik sowie die Handlungsspielräume, die Schmid als Intendant und Kulturfunktionär nutzte und prägte. Unter der Gesprächsleitung von Dr. K.-F. Ossberger erwartet die Besucherinnen und Besucher ein anregender Austausch mit vertiefenden Einblicken in die Geschichte des Bergwaldtheaters und seine Einbindung in die Theaterlandschaft des „Dritten Reiches“. Das Publikum ist herzlich eingeladen, Fragen zu stellen und sich aktiv an der Diskussion zu beteiligen.

Begleitet wird der Vortrag von einer kleinen Ausstellung des Stadtarchivs Weißenburg mit ausgewählten Stücken aus der Sammlung „Deutsche Naturbühne“. Die Exponate geben Einblicke in Schmids überregionale Tätigkeit und beleuchten unter anderem die Weißenburger Dramatiker-Tagungen der Jahre 1932 und 1933, bei denen er die Sammlung vor namhaften Vertretern der deutschen Theaterwelt präsentierte.

Eine Veranstaltung der Frankenbund Gruppe Weißenburg in Zusammenarbeit mit dem Kulturforum Weißenburg.

Eintritt frei

Ganzer Kalender